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16.01.2026

Die nächste Wildcat wird sich um die Frage drehen, wer Trump stoppen kann. Dazu schauen wir uns die Klassenverhältnisse in den USA an: »die Lumpen«, »das Dienstleistungsproletariat«, »die Tech-Angestellten«, »die Industriearbeiter« und die »Undocumented«, MigrantInnen ohne Ausweispapiere bzw. legalen Aufenthaltsstatus. Anlässlich der dramatischen Zuspitzung in Minneapolis veröffentlichen wir diesen Abschnitt vorab, als Work in Progress. (In dem Abschnitt geht es nicht um Trumps radikalen Staatsumbau, das kommt woanders.)

»Chinga la migra!«

Papierlose Arbeiter

In den USA bezeichnet man Menschen ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung als »Undocumented«. Meistens sind es Flüchtlinge aus Lateinamerika, Asien und Afrika, die leicht abgeschoben werden können. Je nach Quelle sind es zehn bis 15 Millionen, die letzten Schätzungen des Pew Research Center und Migration Policy Institute kommen auf 14 Millionen (2023) – vier Prozent der Bevölkerung. Eine Untersuchung im August 2025 konnte 8,5 Millionen sektoral zuordnen: 20 Prozent auf dem Bau, zwölf Prozent im Gastgewerbe, elf Prozent in der Produktion, zehn Prozent als Hilfskräfte in öffentlichen Infrastrukturen, acht Prozent im Einzelhandel, drei Prozent in der Landwirtschaft. Obwohl 95 bis 99 Prozent der 8,5 Millionen ständig arbeiten, haben nur 53 Prozent eine Krankenversicherung. 52 Prozent leben mindestens seit zehn Jahren in den USA, 28 Prozent mindestens 20 Jahre. Nur ein Drittel hat fast gar keine formelle Bildung. Die Studie geht davon aus, dass die Zahl für die Landwirtschaft (drei Prozent bzw. 300.000 Undocumented) zu niedrig ist.1 Laut Daten des US-Landwirtschaftsministeriums machen im Ausland geborene Undocumented etwa 40 Prozent der insgesamt 1,2 Millionen Arbeiter in der Branche aus, das wären 480.000.2

In den letzten Jahrzehnten haben sich Papierlose wesentliche Verbesserungen erkämpft – nicht nur Duldung, sondern Anerkennung durch die sogenannte »Sanctuary Policy«. Diese geht auf die Kirchenasyl-Bewegung der 1980er Jahre zurück, die unter Reagan Bürgerkriegsflüchtlinge aus Mittelamerika unterstützte; »Sanctuary« bedeutet Asyl oder Schutzraum. Dieser besteht aus Gesetzen, Statuten, Verwaltungsanordnungen, Leitfäden, Resolutionen und Regelpapieren verschiedener Institutionen, zum Beispiel Stadtregierungen, Universitäten, in Bundesstaaten, auf Firmengelände usw. Der Grad der Rechtsbindung und der Formalität hängt oft mit dem Grad der rechtlichen Autonomie der jeweiligen Institution zusammen. Viele Regeln sind informell und stark umkämpft.3 Grob zusammengefasst bedeutet eine »Sanctuary Policy«, dass migrationspolizeiliche Apparate von sozialen und rechtlichen Infrastrukturen abgekoppelt wurden. 2025 praktiztierten das über 150 Städte, Counties und Bundesstaaten. »Sanctuary Cities« (New York City, Chicago, Los Angeles, … ) haben sich als relativ sichere Orte für Undocumented etabliert. Dort können sie sich kranken- und sozialversichern sowie staatliche Leistungen erhalten (Medicaid, Lebensmittelhilfen SNAP usw.). Polizisten und andere Beamte fragen nicht nach Aufenthaltsstatus, fordern keine Dokumente ein. Der polizeilich-militärische »Abschiebekomplex« hat keinen Zugriff auf Sozialversicherungsnummern.

Trumps Angriff auf die »Sanctuary Policy«

Zwar hatte schon »Deporter-in-chief« Obama, US-Präsident von 2009 bis 2017, das Verhältnis zwischen »Returns« (Zurückweisungen an der Grenze oder freiwillige Ausreisen) und »Removals« (Abschiebungen) zugunsten letzterer umgekehrt. Aber Obama und andere vor Trump II organisierten keine Razzien und deportierten nicht systematisch Menschen, die schon lange in den USA und dort ins Leben eingebunden sind.

Das »Project 2025« Paper, veröffentlicht 2023, das als Blaupause für Trumps zweite Amtszeit dient, macht der »Sanctuary Policy« eine klare Ansage: »Alle ICE-Memoranden, in denen ›sensible Zonen‹ ausgewiesen werden, in denen ICE-Mitarbeitern der Einsatz untersagt ist, sollten aufgehoben werden.«4 Trump greift die »Sanctuary Policy« frontal an.

2025 wurden laut US-Heimatschutzministerium DHS (Department of Homeland Security) 605.000 Menschen abgeschoben, 66.000 sitzen in Abschiebeknästen, 1,9 Millionen seien freiwillig ausgereist. 4250 Menschen werden seit Verhaftung vermisst, 30 Menschen starben in den Abschiebelagern, vier bei Verhaftungen und einer bei Abschiebung. Die Zahl der Abschiebungen war 2025 doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Jahre 2014-2024.5 Allerdings gibt es Hinweise, dass diese Zahl vom Ministerium künstlich aufgebläht wurde.

Über zwei Drittel der von der Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) festgenommenen Personen haben keine Straftaten begangen. Viele weitere sind wegen Strafzetteln oder Drogenkonsum ins Visier geraten.

Trumps SA?

Leute der rechten Miliz Patriot Prayer drohten schon vor zehn Jahren, die linksliberale Sanctuary City Portland zu »säubern«. Das Portland Bureau of Police stand in engem Kontakt mit Patriot Prayer und ihrem Anführer Joey Gibson, der für die Republikaner kandidierte.6 Für seinen Angriff auf die Undocumented hat Trump rechte Milizen wie die Proud Boys unter dem Banner des ICE institutionalisiert (die zweite Behörde zu Einwanderung im Heimatschutzministerium ist die CBP, Customs Border Protection, die Grenzschutzbehörde). Den Proud Boys-Boss Enrique Tarrio hat er wie viele andere Capitol-Stürmer begnadigt. Tarrio hat die App »Iceraid« eingeführt, über die man Illegale melden soll und Kryptogeld als Belohnung erhält.7 Der Hardliner Tom Homan war ICE-Direktor unter Trump I. Nach dessen Wiederwahl wurde er Grenzschutzbeauftragter und traf sich mit Proud Boy Terry Newsome, um über Massenabschiebungen zu beraten.8

Der jetzige ICE-Direktor Todd Lyons will eine effiziente Abschiebelogistik »nach dem Vorbild Amazons« für die geplanten 3000 Verhaftungen pro Tag aufbauen. Dafür macht die Regierung über 150 Milliarden Dollar locker: Investitionen in Infrastruktur und neues Personal, die großen US-Gefängnisunternehmen GEO Group und CoreCivic bauen neue Abschiebeknäste, Palantir programmiert eine Anti-Einwanderer-Software namens ImmigrationOS, ICE kauft von Werbeunternehmen Handydaten, um mit den Standortdaten Menschen zu jagen9. Sie alle verdienen unter Trump II sehr gut (allein ein Drittel aller Einnahmen von CoreCivic stammt aus Geschäften mit ICE). Während des Regierungs-Shutdowns vom 1. Oktober bis zum 12. November 2025 wollte Trump Geld für Lebensmittelhilfen zurückhalten, tausende Staatsangestellte bekamen kein Gehalt mehr überwiesen – aber die ICE- und CBP-Schläger bezahlte er weiter und gibt Neueingestellten 50.000 Dollar Einstellungsbonus, zudem überdurchschnittliche Krankenversicherung und Tilgung von Studentenkreditschulden über 60.000 Dollar. Um möglichst schnell möglichst viele bewaffnete Truppen auf die Straße zu bringen, hat Trump die Ausbildungsdauer für neue ICE-Rekruten von 13 auf sechs Wochen gekürzt und Spanischkurse gestrichen. Im Oktober 2025 hat NBC aufgedeckt, dass neue ICE-Leute vor dem Abschluss behördlicher Prüfungsverfahren in den Dienst geschickt wurden und manche die Drogentests nicht bestanden hatten.10

Bereits während der George-Floyd-Rebellion warnte der ehemalige Heimatschutz-Chef unter Bush, Michael Chertoff, vor einer »Politisierung« des Heimatschutzministeriums. Der damalige NBPC-Präsident Brandon Judd, hatte 2016 gesagt, Einwanderer seien »schlimmer als Tiere« – unter Trump II wurde er nun Botschafter in Chile! NBPC (National Border Patrol Council) und NIC (National ICE Council) sind die beiden Gewerkschaften im Heimatschutzministerium. Schon damals forderten diese mehr Geld und eine Ausweitung der Kompetenzen. Sie sahen in Trump ihren natürlichen Verbündeten, und Trump sah in ihnen eine potenzielle Machtbasis. Nach der verlorenen Wahl 2020 versuchte Trump, NIC und NBPC gegen Biden zu benutzen. Der damals stellvertretende Heimatschutzminister Ken Cuccinelli wollte beide Gewerkschaften stärken. Als das scheiterte, widersetzten sich ICE-Beamte der Regierung Biden. Sie forderten 2022 in einer Beschwerde beim Arbeitsministerium mehr Autonomie von den Dachgewerkschaften AFGE (American Federation of Government Employees) und der AFL-CIO, die sie als »weit links stehende Organisationen« sahen.11 Cuccinelli schrieb dann im Project 2025-Paper den Abschnitt zum Heimatschutz, wo er die Abschaffung der »Sanctuary Cities« fordert. Der Autor der Online-Zeitung Phenomenal World Michael Macher sieht die in NIC und NBPC organisierten rechtsradikalen Hardliner als »Inkubatoren für rechtsradikale Projekte« im Ministerium.12

Als Trump nach Klagen aus der Landwirtschaft im Juni 2025 die Razzien einstellen wollte, ließ sie sein faschistischer Sicherheitsberater Stephen Miller weiterlaufen. Nach der Razzia auf der Baustelle einer Hyundai-Fabrik in Georgia am 4. September musste Trump sich entschuldigen. »Die enge Beziehung zwischen ICE/CBP und Trump hat paradoxerweise begonnen, Trumps eigenen Handlungsspielraum einzuschränken.« (Michael Macher)

Am 14. Januar 2026 veröffentlichte der Journalist Ken Klippenstein geleakte Dokumente, die zeigen, dass ICE geheime Operationen durchführt. Unter anderem versuchen sie, Spitzel innerhalb der Immigranten-Community zu rekrutieren. ICE spalte deswegen sogar das FBI.13

Gegenwehr

Papierlose Arbeiter haben in der Geschichte immer wieder bedeutende Kämpfe geführt: Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwanderer, Tagelöhner und Wanderarbeiter, die die US-Infrastruktur gebaut haben (Holz und Eisenbahn), organisiert als IWW (Wobblies). Die Wobblies waren stark, weil sie unglaublich mobil und gut organisiert waren, aber auch, weil die Kapitalisten ohne sie die Transportwege nicht bauen konnten. Während und besonders nach dem Ersten Weltkrieg konnten sie abgeräumt werden. In den 60ern und 70ern organisierten sich die Arbeiter auf den Feldern der industriellen Landwirtschaft mit dem Slogan »Sí se puede!« (»Ja, es ist möglich!«) in einer großen Gewerkschaft, den United Farm Workers. Mitte der 90er und 2006 mobilisierten die Undocumented erneut für ihre Interessen, unter anderem mit Massendemos in den Großstädten. 2006 war einer der Slogans: »Wir sind Arbeiter, keine Verbrecher!« Bei den Mobilisierungen nahmen in Los Angeles und Chicago Millionen Menschen an Kundgebungen für Legalisierung und gegen härtere Einwanderungsgesetze teil.

Nach Los Angeles und Chicago war Portland die nächste Großstadt, die Trump 2025 zum Kriegs- und Übungsgebiet für Abschiebungen und Aufstandsbekämpfung erklärte. In den Städten entwickelte sich eine breite gesellschaftliche Opposition dagegen. Je nach Kontext organisieren sich die Menschen verschieden: in Portland stellen sich linke Gruppen und Antifaschisten den ICE-Truppen in den Weg14, in Chicago große Teile der Nachbarschaften und hispanischen Community (samt Rechtsanwälten usw.)15, ebenso in Los Angeles. In Seattle organisieren unter anderem Boeing-Gewerkschafter Kundgebungen vor Abschiebeknästen, damit ihr Kollege freigelassen wird.16

Die allermeisten Zufluchtsstädte werden von Bürgermeistern der Demokratischen Partei verwaltet. Das gehört dazu, aber ist nicht der entscheidende Punkt, warum Trump Los Angeles als ersten Ort für seinen Angriff gewählt hat. Es ist der Schmelztiegel, in dem sich Einwanderung und Arbeiter- sowie Communitykämpfe politisch überaus wirksam vermischen; gerade in LA sind migrantische und Arbeiterkämpfe ständig präsent und oft nicht zu unterscheiden. Am 6. Juni 2025 verhaftete hier ICE einen migrantischen Tagelöhner-Organizer und SEIU-Gewerkschafter (Service Employees International Union, die größte US-Gewerkschaft in der Dienstleistungsbranche). Sofort solidarisierten sich tausende Menschen auf ihre jeweilige Art – die einen zündeten Autos an und blockierten Straßen, die anderen programmierten Warn-Apps, viele benutzten verschlüsselte Social Media Kanäle wie Signal, um neue Blockaden zu organisieren. Nachbarn warnten und richteten Telefonketten sowie Hotlines ein, Autofahrer hupten und blockierten ICE-SUVs. Ab 8. Juni weitete sich der Protest über das ganze Land aus. Demos und Blockaden wurden aus San Francisco, Austin, Dallas, New York, Philadelphia, Tampa, Seattle, Atlanta, Santa Ana, New Orleans, Chicago und Louisville gemeldet. Die letzte Anti-ICE-Aktion in dieser Protestwelle fand am 19. Juni in Downtown LA statt.

Im Dezember 2025 wurden die DHS-Einsätze und -Razzien in den Städten gerichtlich verboten, aber das schert Trump und das DHS nicht. ICE und CBP ziehen nicht ab und wüten weiter.

Metro Surge: Angriff auf Minneapolis

Die Zwillingsstädte Minneapolis und Saint Paul liegen im Bundesstaat Minnesota. Minneapolis mit 430.000 Einwohnern wird vom demokratischen Bürgermeister Jacob Frey regiert, der Bundesstaat Minnesota vom demokratischen Gouverneur Tim Walz, 2024 Kandidat zum Vizepräsidenten im Wahlkampf Kamala Harris. Minnesota hat 2016, 2020 und 2024 gegen Trump gestimmt.

In der Metropolregion mit vier zentralen »Sanctuary Counties« leben 3,7 Millionen Menschen, darunter eine der größten Gruppen von Indigenen sowie Flüchtlingen aus allen Teilen der Welt. In Minneapolis leben zudem überdurchschnittlich viele Nachfahren von Sklaven, die aus Afrika verschleppt wurden, sowie Flüchtlinge aus den afrikanischen Bürgerkriegen der 1990er Jahre. Diese wurden größtenteils eingebürgert, von den 100.000 Somalis in ganz Minnesota sind 90 Prozent Staatsbürger (58 Prozent aller US-Somalis sind in den USA geboren, 87 Prozent haben die Staatsbürgerschaft).

Relativ zur Bevölkerung liegt der Anteil der Undocumented im Bundesstaat laut dem Pew Research Center mit 2,2 Prozent bzw. 130.000 Menschen unter dem nationalen Durchschnitt und weit unter den Zahlen in republikanisch regierten Bundesstaaten wie Texas und Florida.17 Aber gerade Minneapolis war öfter als andere Orte der Hotspot großer Mobilisierungen von unten, der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist weit höher als in anderen Gegenden der USA, gemeinnützige Organisationen und Sozialleistungen sind für US-Verhältnisse überdurchschnittlich entwickelt. Seit 2018 organisieren vor allem aus Somalia eingewanderte Arbeiterinnen Streiks, im Zentrum der Mobilisierung steht das Amazon-Lager in Shakopee, einer Vorstadt im Süden von Minneapolis mit 44.000 Einwohnern.

Im Mai 2020 wurde George Floyd von Bullen des Minneapolis Police Department ermordet. Einige Menschen waren so wütend, dass sie in einer schnellen Reaktion das Polizeigebäude abgefackelt haben. Danach ging die größte Straßenmobilisierung in der Geschichte der USA los. Einer der Slogans war »Defund the Police«, also kein Geld mehr für den Repressionsapparat. Materiell hat sich wenig geändert, statistisch sind Polizisten in Minneapolis und St. Paul noch immer überdurchschnittlich gewalttätig.

Anfang Dezember erklärte das Heimatschutzministerium, dass es in Minneapolis-Saint Paul mit der »Operation Metro Surge« »die größte Operation aller Zeiten« durchführen wird. Dafür gab Trump den Auftakt, als er die 35.000 in Minneapolis lebenden Somalier zu »Müll« erklärte, wörtlich »low-IQ garbage«. Er tat dies vor dem Hintergrund eines Betrugsfalls um Sozialgelder in Minnesota, der seit fünf Jahren untersucht wird und in den Somalis involviert sind. Einige der bis jetzt Verurteilten hatten Kontakt zu Frey und anderen Demokraten, mindestens zwei mit somalischer Abstammung.18 Im Oktober 2025 organisierte Trump den »Roundtable on Antifa«, zu dem er den rechtsradikalen Influencer Nick Shirley einlud. Der reiste anschließend nach Minneapolis und produzierte einen Bericht zum Sozialbetrug durch Somalis.19 Vizepräsident JD Vance und Elon Musk haben das Video verbreitet.

Mitte Dezember 2025 fielen dann 2000 bewaffnete und maskierte ICE- und CBP-Beamte in die Twin Cities ein (ICE und CBP führen die meisten Aktionen gemeinsam durch; und wie schon während der George-Floyd-Proteste kommen rechte Milizen von weit her, um sie zu unterstützen). Sie gingen von Tür zu Tür, verhörten Bewohner, ob sie Orte kennen, an denen illegale Einwanderer abzugreifen wären. Sie schlagen Scheiben von Häusern und Autos ein, in denen sie Illegale vermuten. Sie verfolgen Autos, benutzen Blendgranaten. Genossen berichten, dass ICE sogar Native Americans verhaftet!

Die breit organisierte Verteidigung

»ICE has made the classic Nazi mistake.
They’ve invaded a winter people in winter.«

(jemand vor Ort)

Die Bundesbeamten hatten nicht mit der starken Widersetzlichkeit aus der Bevölkerung gerechnet. Linke Gruppen haben Organisationsstrukturen aus der George-Floyd-Bewegung reaktiviert. Bestehende Migranten-Soli-, Nachbarschafts- und Kirchengruppen, NGOs und Mietergewerkschaften haben Unterstützung, Blockaden, Rechtshilfe, Verhaltenstrainings usw. organisiert. Dazu kam direkte Solidarität am Arbeitsplatz: Kollegen in Spitälern und Schulen haben Alarmgruppen organisiert, auch in den migrantischen Kleinunternehmen wird Selbstschutz organisiert; an Orten, wo traditionell viele Einwanderer arbeiten, wie Supermärkte und Baumärkte, stehen Wachposten. Lokale Gewerkschafts-Chapter unterstützen die Aktionen. Es gab und gibt auch Versuche, wilde Streiks zu organisieren. Und viele suchen gezielt die Hotels auf, in denen ICE-Leute übernachten, um ihnen mit Musik und anderen Aktionen den Schlaf zu rauben.20

Dazu kommt das Wetter, Temperaturen weit unter Null Grad Celsius sind normal für einen Winter in Minnesota. Damit haben die ICE-Schläger ihre Probleme, vor allem rutschen sie selber und ihre SUVs oft auf den Eisplatten aus, wenn sie von Haus zu Haus patrouillieren. Die lokale Bevölkerung ist für diese Temperaturen besser ausgerüstet und hält draußen länger durch.

Die Brutalität der Repression hat viele Menschen zusammengebracht. In den Kämpfen gegen die Razzien in Los Angeles und Chicago haben sich ICE-Watch-Rapid-Responder-Groups gegründet, schnelle Reaktionsgruppen, um ICE-Aktionen zu stören und Betroffenen zu helfen. In Minneapolis wurde diese Form übernommen. Sie sind imstande, innerhalb von zwei bis zwölf Minuten Blockaden und Rechtsschutz zu organisieren (ICE-Watchers in Minneapolis melden neue ICE-Aktionen durchschnittlich im 15-Minuten-Takt). Es gibt »Safety Brigades«, »Neighborhood Rapid Response Groups«, »Business Safety Brigades«, »Native-led Community Defense« usw. Sogar die lokale Polizei eskortiert Schulbusse, um sie gegen ICE-Zugriffe zu schützen!

Damit man sie nicht gleich erkennt, haben die ICE-Schläger ihre Autos mit »Free Palestine«-Stickern beklebt, Spielzeug-Anhänger montiert, Behinderten-Kennzeichnungen angebracht, die Kennzeichen häufig gewechselt usw.. Leute, die ICE-Einsätze filmen, und Responder-Group-Aktivisten werden zusammengeschlagen, schwerst verletzt mit Knochenbrüchen und Augenverletzungen bis zur Erblindung – und mittlerweile sogar getötet.

Am 7. Januar 2026 erschoss der ICE-Beamte Jonathan Ross die Rapid-Responder-Group-Aktivistin Renée Nicole Good, 37 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Good lebte in Nachbarschaft mit Somaliern und Hispanics.21 Ihre Erschießung war der sechste ICE-Mord,22 aber die erste Hinrichtung. Ihr Mörder diente im Irak und arbeitet seit 2016 für ICE. Er wird als christlicher Fundamentalist und starker MAGA-Unterstützer beschrieben.

Die Videos vom Mord zeigen die Taktik der Behörde: Als zwei der ICE-Beamten sich Goods Auto nähern, fordert einer sie auf wegzufahren, während der andere ruft: »Steig aus dem verdammten Auto aus!« Egal wie man reagiert, man verstößt gegen eine der Anweisungen und liefert so den Vorwand für eine Eskalation.

JD Vance verkündete am 8. Januar, Ross genieße »absolute Immunität«. Am 9. Januar schossen CBP-Beamte auf zwei Immigranten in Portland und verletzten sie schwer; am 14. Januar schoss ein ICE-Beamter in Minneapolis einem Venezolaner ins Bein.

Anfang Januar 2026 befanden sich schon mindestens 2800 bewaffnete Bundesbeamte in Minneapolis. Das Minneapolis Police Department beschäftigt 600 Polizisten. Trump behält sich vor, den »Insurrection Act« in Kraft zu setzen, damit er Militär und Nationalgarde einsetzen kann; zuletzt wurde dieser Act bei den Riots in Los Angeles 1992 benutzt. Heimatschutzministerin und damit höchste ICE-Chefin Kristi Noem ließ durchblicken, dass sie Gouverneur Walz weg haben will. Das Justizministerium hat gegen ihn, gegen Bürgermeister Frey und andere Ermittlungen eingeleitet. Mit Stand Mitte Januar hat ICE fast 3000 Leute in Minneapolis-St. Paul verhaftet.

Aber weiterhin finden kontinuierlich Demos statt unter dem Motto »Chinga la migra!«, was so viel wie »Fuck ICE« bedeutet. Seit Renée Good am 7. Januar erschossen wurde, haben sich die Proteste verstärkt. Am 8. Januar gingen 10.000 Menschen auf die Straße. Sechs Staatsanwälte sind zurückgetreten, weil das US-Justizministerium sie zwingen wollte, gegen Goods Witwe zu ermitteln. Ende Januar trat die FBI-Agentin zurück, die gegen Ross ermittelt hat, nachdem das Justizministerium von ihr verlangt hatte, die Ermittlungen einzustellen.

»ICE out!« Der Aktionstag am 23. Januar

Am Tag zuvor war JD Vance extra nach Minnesota gekommen. In einer Pressekonferenz schob er die Schuld den lokalen Behörden und den Demokraten zu. Weil sie nicht mit ICE zusammenarbeiteten, seien die Dinge so »außer Kontrolle« geraten. Damit meint er womöglich, dass ICE und CBP keinen Schritt mehr ungestört machen können.

Der 23. Januar war bisher der größte Protesttag. Hunderte Geschäfte blieben geschlossen, Beschäftigte blieben der Arbeit fern, Studierende und Schüler dem Unterricht. Bei bis zu minus 25 Grad Celsius gingen mehr als 50.000 Menschen auf die Straße. Die vier Forderungen: ICE raus aus Minnesota (»ICE out!«); Anklage gegen Jonathan Ross; kein zusätzliches Geld für ICE; Unternehmen sollen keine Geschäfte mehr mit ICE machen. Viele Kleinunternehmer ließen ihre Geschäfte geschlossen, einige servierten nur Verpflegung zur Unterstützung, viele aus dem Erziehungs- und Gesundheitsbereich haben de facto gestreikt. Geistliche und Unterstützer haben versucht, den Flughafen zu blockieren, über den ICE und CBP Leute abschiebt. Im Vorfeld riefen einzelne Stimmen zum Generalstreik auf, aber das verhinderten die meisten Gewerkschaften, weil sie sich an bestehende Tarifverträge halten, die Streiks verbieten. Zu einem massenhaften Krankfeiern gibt es noch keine Belege und Zahlen. Einige Institutionen haben verlautbaren lassen, dass sie auf Sanktionen verzichten, wenn man der Arbeit fern bleibt. Soli-Demos gab es unter anderem in New York; Paydayreport zählte USA-weit 300 Soli-Aktionen.

Das Besondere an diesem Protesttag war, dass er fast nur von solidarischen »Documented« getragen wurde. Aus Selbstschutz blieben die Undocumented zu Hause. Die lokalen Behörden haben virtuellen Unterricht für gefährdete Schüler eingeführt (die Hälfte der spanischsprachigen Kinder und ein Viertel der Schüler mit somalischen Wurzeln gehen momentan nicht zum Unterricht). Sogar der UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk äußerte an dem Tag, er sei »bestürzt über die inzwischen alltägliche Misshandlung und Herabwürdigung von Migranten und Flüchtlingen« in den USA.

Am Tag darauf richteten CBP-Beamte einen zweiten Menschen hin: Alex Jeffrey Pretti, ein 37jähriger Intensivpfleger in einem Krankenhaus für Veteranen, US-Staatsbürger und Stadtbewohner, filmte einen ICE-Einsatz; als die Bullen eine Frau niederschlugen, stellte er sich dazwischen. Mindestens sechs Beamte drückten ihn zu Boden, schlugen ihn und feuerten zehn (!) Schüsse auf ihn. Danach der übliche Bullshit der Regierung und des DHS: die Beamten mussten sich verteidigen, Alex sei gerade dabei gewesen, ein »Massaker an den Officers« zu verüben, er sei – so wie sie auch Good beschreiben – ein »einheimischer Terrorist« gewesen. Alex war legaler Waffenbesitzer und hatte offensichtlich eine Pistole dabei. In der Hand hielt er aber keine Pistole, sondern sein Smartphone. Schon im Juni 2025 wurde innerhalb des Heimatschutzministeriums ein Paper herumgeschickt, wo das Filmen von ICE-Beamten als »rechtswidrige Taktik des zivilen Ungehorsams« kriminalisiert wurde.

Justizministerin Pam Bondi schrieb noch am selben Tag einen Brief an Gouverneur Walz: seine »Rhetorik« befördere »die Gesetzlosigkeit auf der Straße«. Sie fordert, dass Walz alle Unterlagen der vom oben erwähnten Betrug betroffenen Bundesprogramme (Medicaid, SNAP) dem Justizministerium übergibt, die Polizei Minnesotas mit ICE zusammenarbeitet und das Wählerverzeichnis Minnesotas aushändigt. (Anfang Januar hatte Trump behauptet, die Wahlen in Minnesota wären gefälscht, er hätte dort »großartig« abgeschnitten.)

Trump hat nun Tom Homan nach Minnesota geschickt, um die Einsätze dort zu leiten. Nach dem Tod von Renée Good hatte dieser ein »weiteres konsequentes Vorgehen ohne Entschuldigung« gefordert.

Bürgerkrieg oder Klassenkampf?

An dem Ort des Mords versammelten sich schnell hunderte Menschen. Walz hat nun die Nationalgarde gerufen, um – zu deeskalieren. Nationalgardisten sollen Neonwesten tragen, damit man sie von ICE/CBP unterscheiden kann. Der Konflikt wird damit noch stärker militarisiert.

Im bewaffneten Straßenkampf hat die »Zivilgesellschaft« keine Chance. Es sieht geradezu danach aus, dass Trump, der an vielen Fronten massiv unter Druck ist, darauf setzt, bewaffnete Konflikte zu einem Bürgerkriegsszenario zu eskalieren. Nach dem 23. Januar will ICE auch ohne Durchsuchungsbefehl in Häuser einfallen – bisher waren die Leute in ihren Wohnungen noch sicher. Jetzt geht es in erster Linie darum, den rechtsradikalen Stoßtruppen massenhaft entgegenzutreten und die »Sanctuary Cities« zu verteidigen. Die Einwohner bereiten sich auf einen zähen Kampf vor. Laut Infos von Hotelbeschäftigten hat ICE die Zimmer bis Ende Juni 2026 gebucht.

Wie auch nach der Ermordung von George Floyd haben sich viele Menschen neu politisiert und wollen »mitmachen«, sind unglaublich solidarisch. Linke diskutieren, was sie nach den Erfahrungen von 2020 besser machen müssen, welche Organisationsformen die Proteste stärker machen können. Die im Entstehen begriffene selbstorganisierte Infrastruktur aus vernetzten Initiativen wird eine wichtige Rolle spielen.

Hätten die Arbeiter ohne Papiere darüber hinaus die Macht, nicht nur die ICE-Stoßtrupps zu stoppen, sondern sogar die Trump-Regierung herauszufordern? Ein »Generalstreik« aller Undocumented ist wohl eine Utopie, aber bereits ein bedeutender Teil von ihnen könnte viele Bereiche lahmlegen und Kollegen mit Staatsbürgerschaft mit den unausstehlichen Verhältnissen konfrontieren. In einer zugespitzten Situation müssten sich viele entscheiden, welches Schicksal sie teilen: Wegducken oder gemeinsamer Kampf? Von Vorteil ist momentan, dass sich viele der Hispanics, die Trump gewählt haben, von ihm abwenden.

Die Organisierung in diesen Bereichen ist schwierig. Im harten Winter wird auf den Feldern oder Baustellen nicht gearbeitet. Aber migrantische Hotelangestellte könnten sich weigern, ICE-Beamte unterzubringen. Angestellte der Mietwagen-Firmen, wo die ICE-Schläger ihre neutralen SUVs abholen, könnten ihnen die Schlüssel verweigern. Diese Vorschläge sind nicht fiktiv, es gab erste Versuche und sie werden diskutiert.23 Eine Blockade wichtiger Transportinfrastruktur wie dem Flughafen könnte Druck aufbauen. Auch für die Paket- und Bahnlogistik ist die Region Minneapolis-St. Paul ein wichtiger Knotenpunkt. Die Trumpschen Schlägertruppen kümmern sich nicht um Recht und Gesetz, sie wenden die staatsterroristischen Methoden aus Narcostaaten und Militärdiktaturen an. Die Leute müssen sich in dieser Situation zurechtfinden und neue Antworten geben.

Um Trump zu stoppen, braucht es mehr als Stadtteil-Mobilisierungen und eine mutige Zivilgesellschaft. Viele nannten die Verbindung von Straßenprotesten, Blockaden und Fernbleiben von der Arbeit am 23. Januar einen »Generalstreik des 21. Jahrhunderts«.24 Aber ohne eine Ausweitung der Streiks auf große Betriebe, Transportwesen und Lagerlogistik lassen sich Trumps Truppen nicht stoppen.

Ein Teil der Klasse wird mit Abschiebung und Tod bedroht, Unterstützer sollen mit Hinrichtungen abgeschreckt werden. Gewerkschaften dürften den Arbeitsfrieden nur noch schwer aufrecht erhalten können – erste Treffen zur Organisierung echter Arbeitsniederlungen in den ganzen USA finden jetzt statt.

Die Minnesota Post hat aktuelle Bilder vom Protest: https://www.minnpost.com/metro/2026/01/photos-community-protest-and-grief-in-the-wake-of-alex-pretti-killing/

Der Guardian von US-weiten Protesten: https://www.theguardian.com/us-news/gallery/2026/jan/26/protests-against-ice-violence-in-minneapolis-in-pictures

Fußnoten:

[1] Center for Migration Studies, 27.8.2025

[2] Economic Research Service des Landwirtschaftsministeriums, 18.11.2025

[3] Janika Kuge: Bleiberecht jenseits des Nationalstaats: Kämpfe um Sanctuary Policy in den USA, Westfälisches Dampfboot 2025, S. 22ff.

[4] Project 2025 (S. 142 im PDF)

[5] Economic Policy Institute, 10.7.2025

[6] The New Republic, 19.8.2025

[7] The Atlantic, 5.8.2025

[8] Jeff Tischauser, SPL Center, 7.2.2025

[9] Joseph Cox, 8.1.2026 auf 404media

[10] NBC News, 22.10.2025

[11] Washington Times, 21.6.2022.

[12] Michael Macher »Enforcement Regime - Immigration hardliners in the US state« 9.1.2026

[13] Ken Klippenstein, 14.1.2026

[14] Die Zeit, 19.10.2025

[15] The American Prospect, 22.10.2022

[16] Labor Notes, 9.6.2025

[17] Snopes, 23.1.2026

[18] Wikipedia

[19] The Intercept, 31.12.2025.

[20] Youtube https://www.youtube.com/watch?v=CRwbQItxdn8, https://www.youtube.com/shorts/K731QsJrlr8, https://www.instagram.com/reel/DTUJ0QKk-1J

[21] Labor Notes, 1/2026.

[22] Am 10. Juli 2025 stürzte der Feldarbeiter Jaime Alanís Garcia bei der Flucht vor ICE-Beamten bei einer Razzia in Kalifornien in den Tod; am 14. August wurde der Tagelöhner-Gewerkschafter Roberto Carlos Montoya Valdez von einem SUV überfahren, als er vor ICE-Beamten flüchtete, die gerade eine Home Depot Filiale in Südkalifornien angriffen; am 12. September 2025 erschossen ICE-Beamte Silverio Villegas González bei einer Verkehrskontrolle in Chicago; am 23. Oktober wurde in Virginia der Gärtner Josué Castro Rivera von einem Lastwagen überfahren, als er bei einer Verkehrskontrolle durch ICE fliehen wollte. Mitte Januar 2026 kam durch eine Autopsie raus, dass der Kubaner Geraldo Lunas Campos im größten Abschiebeknast in El Paso am 3. Januar nicht durch Selbstmord gestorben ist, wie das DHS behauptet, sondern durch Mord.

[23] Counterpunch, 9.1.2026

[24] The Intercept, 24.1.2026

 
 
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